Ein Stresstest für demokratische Entscheidungen

Ein 1. Stresstest zur Sicherheit der Energieversorgung wurde von März bis Mai 2022 durchgeführt und ging von folgenden Annahmen aus: Russisches Gas fällt aus, der Gaspreis steigt stark an, eine hohe Zahl französischer Atomkraftwerke ist außer Betrieb und Deutschlands Atomkraftwerke sind abgeschaltet. Es zeigte sich, dass die Versorgungssicherheit im bevorstehenden Winter nicht gefährdet ist und die letzten drei AKW planmäßig gemäß Atomgesetz abgeschaltet werden können. Das Fazit zu einem Weiterbetrieb lautete: „Eine Verlängerung der Laufzeiten könnte nur einen sehr begrenzten Beitrag zur Lösung des Problems leisten, und dies zu sehr hohen wirtschaftlichen Kosten und mit Abstrichen an den notwendigen Sicherheitsüberprüfungen – und das bei einer Hochrisikotechnologie.“ Nach wenigen Monaten wurde ein 2. Stresstest zwecks Entscheidung über eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke durchgeführt, der „ergebnisoffen“ sein sollte, was schließlich nur bedeuten konnte, dass der Weg zu einer erneuten Laufzeitverlängerung grundsätzlich geöffnet werden sollte. Durch Verschärfung der Szenarien konnte eine solche Option auch geschaffen werden, damit alle Beteiligten im Koalitionsgerangel ihr Gesicht wahren können. Wirtschafts- und Energieminister Habeck hat jetzt vorgeschlagen: Es bleibt grundsätzlich beim Atomausstieg! Das AKW Emsland geht planmäßig vom Netz. Neckarwestheim 2 und Isar 2 bleiben als „Reserve“, um sie bei Bedarf bis April einsetzen zu können, falls in Süddeutschland eine Netzinstabilität droht, bzw. Frankreich weiter Probleme mit seinen Atomkraftwerken haben sollte.

Aus Sicht von Atomkraftgegnern ist das zwar ein fauler Kompromiss, aber von den vielen noch schlechteren Varianten vielleicht die erträglichste. Im Idealfall werden die beiden AKW im Dezember abgeschaltet und bleiben es auch. Der mögliche Resevebetrieb wirft allerdings viele rechtliche und sicherheitstechnische Fragen auf: Sicherheitsprüfungen und Betriebserlaubnis laufen ab, im AKW-Neckarwestheim gibt es gefährliche Korrosionsrisse im Wärmetauscher, für die Stromproduktion oder gar den Strompreis sind die verbleibenden Kapazitäten kaum von Belang, um nur wenige Probleme zu nennen. Außerdem werden die Atomkraft-Befürworter nicht ruhen, aus dem Reservebetrieb einen Wiedereinstieg zu machen.

Der Atomausstieg darf auf keinen Fall erneut gekippt werden. Nach jahrzehntelanger gesellschaftlicher Diskussion mit teils bitteren Auseinandersetzungen, nach wiederholten Entscheidungsrevisionen zwischen Laufzeitverlängerung und Ausstieg, wäre eine Verlängerung dieses Dauerkonfliktes eine Katastrophe für den Diskurs und die Entscheidungsfindung in unserer Republik. Eine erneute Kehrtwende würde grundlegende Zweifel an der Zuverlässigkeit demokratischer Einigungen und ihrer Umsetzung aufwerfen. Wie soll eine Gesellschaft funktionieren, in der alle paar Jahre grundlegende Entscheidungen wieder in ihr Gegenteil verkehrt werden?

Aktuell gibt es wahrlich große Herausforderungen zu meistern, wenn wir z.B. an den Krieg in Europa, die sich zuspitzende Klimakatastrophe oder die fortschreitende soziale Spaltung denken, um nur einige zu nennen. Eine erneute Auseinandersetzung um die Atomkraft muss man nicht noch zusätzlich entfachen, denn sie nützt nur denen, die unsere Gesellschaft weiter destabilisieren wollen. Es droht eine Zerreißprobe in der Regierung, eine Identitätskrise für die Grünen und sozialer Unfrieden in der Gesellschaft. Von bestimmten Kreisen und politischen Parteien wird dies derzeit bewusst angestrebt, weil sie dem politischen Gegner schaden und sich in populistischer Weise Vorteile verschaffen wollen. Sie opfern dafür sogar den von ihnen selbst gefassten und von ihrer eigenen Kanzlerin vertretenen Beschluss. Für die Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit unserer Demokratie und für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft ist diese Taktik fatal.

Einfache Auswege gibt es weder aus der Energiekrise noch aus der Klimakatastrophe. Der geringe Nutzen der verbliebenen Atomkraftwerke in der gegenwärtigen Gaskrise ist allgemein bekannt. Eine kurzfristige Entspannung bei unseren Energieproblemen ist mit ihnen nicht zu erzielen. Außerdem bleiben die grundsätzlichen Gefahren und Entsorgungsprobleme, die aus gutem Grund zum Ausstiegsbeschluss geführt haben, selbstverständlich weiterhin bestehen. Schalten wir daher endlich die Atomkraftwerke ab. Sie sind Teil der fossilen Menschheitsepoche, die wir schnellstmöglich zugunsten der erneuerbaren Energien überwinden müssen. Das Gelingen der Energierevolution entscheidet über die Eindämmung der Klimakatastrophe und den Fortbestand einer Zivilisation, die auch in Zukunft noch ein menschenwürdiges Leben ermöglicht.

Streckbetrieb – Laufzeitverlängerung – Wiedereinstieg

Seit dem Ausstiegsbeschluss 2011 spekulieren die Atomkraft-Befürworter auf einen günstigen Moment, um den gesellschaftlichen Konsens zum Atomausstieg wieder zu Fall zu bringen. Putins Krieg und die von ihm ausgelöste Destabilisierung Westeuropas spielen ihnen jetzt perfekt in die Hände. Sie wittern ihre große Chance. Wenige Monate vor dem Abschalttermin versuchen sie mit einer groß angelegten, konzertierten Kampagne das Rad der Geschichte noch einmal zurückzudrehen. Es klingt ja auch so simpel: Bevor wir im Winter frieren, lassen wir die Atomkraftwerke lieber etwas länger laufen! Ein 35 Jahre altes Auto schafft sicher noch 2-3 Jahre zusätzlich! Geht jetzt halt nicht anders! Da müssen wir eben durch!

Wenn man auch nur etwas genauer hinschaut, stellt man rasch fest, wie falsch und irreführend diese Kampagne ist:

  • Wir haben keine Stromkrise, sondern eine Wärmekrise. Uns fehlt Gas, kein Strom.
  • Ein sog. „Streckbetrieb“ bringt auch nicht mehr Strom, sondern streckt lediglich die Laufzeit bei verminderter Produktion und zieht damit die Gefahren des AKW-Betriebs nur in die Länge.
  • Bei den drei noch laufenden AKW erlischt Ende des Jahres die Betriebsgenehmigung. Eine erneute Laufzeitverlängerung ist unzulässig, denn sie verstößt gegen geltendes Atomrecht.
  • Am Ende ihrer Betriebszeit werden AKW immer gefährlicher. An den alten Kraftwerken Emsland  und Neckarwestheim 2 gibt es deutliche Mängel. Z.B. sind zahlreiche Risse in den Wärmetauschern zwischen Primär- und Sekundärkreislauf aufgetreten, die seit 2009 nicht mehr überprüft wurden. Die alle 10 Jahre erforderlichen Sicherheitsüberprüfungen wurden nämlich 2019 ausgesetzt, weil ja ohnehin abgeschaltet werden soll.
  • Völlig ignoriert wird, dass es keine neuen Brennstäbe für einen Weiterbetrieb der AKW gibt. Ihre Produktion würde selbst bei einer Priorisierung weit über ein Jahr dauern. 2023 stünden sie nicht zur Verfügung und könnten daher auch nicht bei der Gaskrise helfen.
  • Dass man Atomkraftwerke nicht wie einen Heißwasserkocher ein- und ausschalten kann, sollte sich herumgesprochen haben. Auch dass es längst nicht mehr genug Personal für den Weiterbetrieb gibt, darf nicht ignoriert werden.
  • 40% des Urans stammt aus Russland und Kasachstan. Hier sind wir ebenso abhängig von Putin wie beim Gas.
  • Ausgeblendet wird auch, dass in der Ukraine zwischen Atomkraftwerken Bomben fallen und täglich ein weiteres Tschernobyl droht.
  • Gerade in Frankreich, in dem etwa die Hälfte der Atomkraftwerke wegen technischer Defekte oder aufgrund von Wassermangel abgeschaltet ist, erkennen wir, dass Atomkraft keine Lösung ist, sondern das Energieproblem nur verschärft.

Ist alles nur Sommertheater? Die Diskussion wirkt geradezu gespenstisch. Keiner der Gründe, die zum Atomausstieg geführt haben, ist entfallen. Atomkraft bleibt eine Hochrisikotechnologie. Gerade in der Schlussphase alter AKW steigt die Gefahr eines GAUs nochmal an. In 16 Zwischenlagern stehen demnächst ca. 1.900 Castoren mit hochradioaktivem Müll herum. Ein erfolgversprechendes Konzept, wo sie sicher für Hunderttausende von Jahren gelagert werden können, ist nicht in Sicht. Der Nutzen einer Laufzeitverlängerung steht in krassem Missverhältnis zu den Kosten und Risiken. Selbst die drei Stromkonzerne RWE, E.ON und EnBW sind nicht bereit, die AKW weiter zu betreiben, sondern wollen Verantwortung, Kosten und Risiken vollständig an Bund und Länder abtreten, obwohl ein AKW täglich einen Gewinn von ca. 1 Mio. € einfährt! Müsste das nicht stutzig machen?

Für Friedrich Merz (CDU) ist die erneut entfachte Diskussion über eine Laufzeitverlängerung die perfekte Methode, sich an Christian Lindner und die FDP heran zu robben, und zu versuchen, die Koalition zu spalten. Dass die bayerische CSU mit dabei ist, wundert nicht, denn so kann sie gut von ihrem Versagen bei der Energiewende ablenken und ihr idyllisches Voralpenland weiter vor Windrädern schützen. Geradezu folgerichtig erscheint es, dass der TÜV-Süd gleich ein passendes Gutachten parat hat, das von der bayerischen Regierung in Auftrag gegeben wurde. Auch Industriebosse, wie z.B. Gesamtmetall-Chef Stefan Wolf, mischen bei der Kampagne mit und fordern unverhohlen den Wiedereinstieg in die Atomkraft. Aus dieser Ecke ist nichts anderes zu erwarten. Dass aber Katrin Göring-Eckardt (Grüne) oder Luisa Neubauer (Fridays for Future) sich wieder diese Diskussion aufzwingen lassen und ebenfalls das potenzielle Unwort des Jahres „Streckbetrieb“ in den Mund nehmen, das ist sehr befremdlich und auch leichtsinnig.

Seit dem Gau in Fukushima sind erst 11 Jahre vergangen! So schnell kann man doch gar nicht vergessen! Putins Krieg hat es geschafft, unsere Gesellschaft so zu erschüttern, dass Erkenntnisse und gut begründete Entscheidungen in atemberaubendem Tempo erodieren und mühsam erkämpfte Fortschritte wieder zurückgedreht werden. Die Angst vor Einschränkungen in unserem immer noch vergleichsweise komfortablen Leben, scheint jeglichen Verstand außer Kraft zu setzen. Schon jetzt hat diese massive Kampagne bewirkt, dass nur noch über Verlängerung und Ausbau fossiler Energien diskutiert wird! Zeit, Kraft und Geld werden verschwendet und fehlen für die dringender denn je erforderliche Energiewende. Putin, Orbán und die AfD können genüsslich beobachten, wie sich die Diskussion zuspitzt und den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland gefährdet. Das darf uns nicht egal sein!

Klebt wieder Anti-Atom-Sonnen und hängt eure Anti-Atom-Fahnen aus dem Fenster. Das Atomkraft-Gespenst geht schon wieder um.

Besuch des ENERGIEPARK MAINZ geplant

Für Dienstag, den 4. Oktober 2022, 13 Uhr, hat Querstellen eine Führung im Energiepark Mainz gebucht. Interessierte sind herzlich eingeladen, sich anzuschließen.

Bei der vollständigen Energiewende, die wir schnellstmöglich erreichen müssen, wird sicher auch Wasserstoff benötigt, z.B. für den Flug- und Schiffsverkehr, für die Stahl- oder Zementindustrie und für die Langzeitspeicherung von Energie. Im Energiepark Mainz wird seit 2015 die Gewinnung und Speicherung von Wasserstoff aus Windenergie erprobt. Betreiber sind die Stadtwerke Mainz, in Kooperation mit der Linde AG und der Siemens AG. Weiter Infos gibt es unter www.energiepark-mainz.de .

Die 1,5-stdg. Führung besteht aus einer erläuternden Präsentation und einem Rundgang durch die Anlagen. Vielleicht lässt sich danach noch ein Café-Besuch am Rheinufer mit Diskussion der Eindrücke anschließen?

Da der außerhalb von Mainz gelegene Energiepark mit dem ÖPNV nur schwer erreichbar ist, erfolgt die Anreise mit privatem PKW. Es können aber Fahrgemeinschaften gebildet werden. Die Zahl der Teilnehmenden ist auf 15 Personen begrenzt. Die Zusage erfolgt in Reihenfolge der Anmeldung, d.h. wer zuerst mailt, fährt zuerst! Bitte – möglichst unter Angabe einer Telefonnummer – anmelden bei petra.zeichner@t-online.de .

Besuch der Windräder in Bruchenbrücken

Die inzwischen dritte Windenergie-Exkursion des Bündnisses Windpark Winterstein führte am 29. Mai 2022 zu den drei Windrädern bei Bruchenbrücken. Per Rad oder zu Fuß kamen ca. 80 Personen von Friedberg, Bruchenbrücken, Wöllstadt und Rosbach zur Information und um einen Blick in den Turm des Windrades zu werfen. Nach der Begrüßung durch Bürgermeister Dirk Antkowiak und Bündnissprecher Hans-Dieter Wagner, stellten Projektleiter Grundl und Betriebsleiter Waldmann des Betreibers EnBW, die eigens aus Stuttgart angereist waren, die Anlagen vor.

Die drei Anlagen aus südöstlicher Richtung.

Die 3 Windräder vom Typ Vestas V 90 haben einen Rotordurchmesser von 90 m und eine Nabenhöhe von ca. 95 m. Ihre Nennleistung beträgt 2 MW, was im Vergleich zu heutigen Anlagen noch relativ wenig ist. Trotzdem erzeugt nur eine Anlage so viel Strom, wie ca. 725 Haushalte mit 4 Personen (bei ca. 4600 kWh) verbrauchen.

Der Fraktionsvorsitzende der Linken, Sven Weiberg, schilderte in einem kurzen Rückblick, dass schon seit etwa 2005 um die Windräder gerungen wurde. Zu dieser Zeit waren noch fast alle dagegen und es hatte sich eine Bürgerinitiative gegen die Windräder gegründet. Lange Zeit versuchten auch die Kommunen Ober-Wöllstadt und Friedberg mit Klagen und Veränderungssperren die Anlagen zu verhindern. Alle Einwände entpuppten sich jedoch als unhaltbar und wurden entsprechend von den Gerichten abgewiesen, so dass 2011 die Firma ABO Wind endlich bauen konnte.

Die kurze Historie machte auch deutlich, dass die Windenergie in den letzten 15 Jahren in unserer Region eindeutig mehr Akzeptanz gewonnen hat.

Da sich etwas östlich der bestehenden Anlagen ein kleines, schmales Windvorranggebiet befindet, plant der neue Eigentümer EnBW zwei weitere, deutlich leistungsfähigere Anlagen. Eine etwas nordöstlich gelegene Anlage, z.B. Typ V 162 mit 162 m Rotordurchmesser und einer Nabenhöhe von ca. 170 m und eine südlich gelegene Anlage mit einem Rotordurchmesser von 132 m. Durch die Weiterentwicklung der Technik und die größere Höhe werden sie deutlich leistungsfähiger sein. Pro Höhenmeter ist mit einem Ertragsgewinn von ca. 0,5 – 1 % zu rechnen. Die Anlagen werden eine Nennleistung von ca. 6 MW und 4 – 4,5 MW haben. Allein das größere Windrad produziert damit so viel Strom wie alle drei derzeit bestehenden. Der komplette Windpark wird zusammen mehr Strom erzeugen als ganz Friedberg verbraucht. Das ist durchaus ein passabler Beitrag zur Energiewende.

Projektleiter Grundl von EnBW stellt die Windenergieanlagen vor.

Die Teilnehmenden stellten zahlreiche Fragen, z.B. zu Abschaltregelungen, zum Rückbau nach Ablauf der Betriebszeit, zum Standort der neuen Anlagen oder zum Baubeginn. Herr Grundl von EnBW konnte jedoch zu Letzterem noch keine zuverlässige Aussage treffen, denn noch sind Fragen mit der Deutschen Flugsicherung im Zusammenhang mit dem Drehfunkfeuer in Erbstadt zu klären, die allerdings spätestens durch die geplante Umstellung auf Digitaltechnik entfallen werden. Deshalb kann er weder einen Zeitpunkt für den Baubeginn noch exakte Details zur Projektierung sagen, die sich im Genehmigungsverfahren auch noch ändern können.

Der Friedberger Ulrich Dörper, der häufig im Bereich der Windräder sportlich unterwegs ist, befragte die Landwirte Lebeau und Friedewald von den Aussiedlerhöfen im Görbelheimer Grund, die nur 600 –700 m entfernt liegen, welche Erfahrungen sie mit den Windrädern in ihrer unmittelbaren Umgebung machen. Beide Landwirte können keine Beeinträchtigungen durch Schall oder Schattenwurf beobachten. Den Bau der Windräder, der reibungslos und ohne Störungen von statten ging, erlebten sie eher als eine Attraktion. Die geschotterte Zufahrt und der Kranstellplatz am Windrad sind für ihre landwirtschaftlichen Maschinen sogar von Vorteil. Die Frage nach Vogelschlag wurde ganz lapidar beantwortet: „ Kein Vogel ist so blöd und fliegt gegen das Windrad.“ Sie hätten jedenfalls noch keine toten Vögel gefunden. Beeinträchtigungen gibt es für diejenigen, die in unmittelbarer Nähe leben, offenbar keine, aber sie fühlen sich nicht immer rechtzeitig und umfassend von Stadt und Unternehmen informiert. So vermissen sie auch jetzt genauere Aussagen zu den aktuellen Planungen. Herr Grundl sagt Informationen über den Planungsstand zu, sobald es konkretere Entwicklungen gibt.

Bürgermeister Antkowiak erläutert den Planungsstand am Winterstein.

Auch das zukünftige Großprojekt Windpark Winterstein spielte bei dem Treffen eine große Rolle. Bürgermeister Antkowiak verwies auf die breite Mehrheit in den Parlamenten der Anrainerkommunen, die dem Windpark in der „Absichtserklärung“ zugestimmt haben. Er betonte auch, dass alle an einem gemeinsamen Windparklayout mit einer bestmöglichen Anzahl an Windrädern interessiert sind. Ihm sei die direkte Beteiligung der Kommunen und Bürger*innen mit eigenen Anlagen ein großes Anliegen, weshalb sich die Kommunen auch nicht dem bereits in Kürze erfolgenden  Ausschreibungsverfahren von Hessenforst angeschlossen hätten, sondern nach der Sommerpause eine eigene Ausschreibung planen, bei der Beteiligungskonzepte eine größere Rolle spielen sollen.

Diethardt Stamm und AnwohnerInnen vom Görbelheimer Grund.

Johannes Contag, Stadtratsmitglied der Grünen, begrüßte gemeinsam mit Bündnissprecher Diethardt Stamm, dass jetzt auf dem Winterstein ein großer gemeinsamer Windpark entstehen soll und dass die Positionen von Stadt und Bündnis Windpark Winterstein hierbei viele Gemeinsamkeiten aufweisen.

Stamm kritisierte aber auch deutlich, dass Hessenforst jetzt umgehend – quasi im Alleingang – seine Flächen ausschreiben will, was im Grunde dem in der Absichtserklärung beschlossenen, gemeinsamen Vorgehen widerspräche.

Dass in Hessen der Ausbau der Windenergie stockt und 2022 bisher gerade einmal ein Windrad errichtet wurde, führt Stamm u. a. auch auf Hessenforst zurück. Hessenforst erwarte Pachtgebühren von über 200.000 € je Windrad und außerdem noch eine 20%ige Umsatzbeteiligung. Dadurch werde eine Beteiligung der Bevölkerung weitgehend ausgehebelt. Er appellierte an die Landesregierung, das Ausschreibungs- und Vergabeverfahren zu ändern, um die Beteiligung von Kommunen und Bürger*innen zu stärken. Er untermauerte diese Kritik mit Zitaten aus einer großen aktuellen Anfrage der SPD an die Landesregierung.

Auch Dr. Werner Neumann, Bündnissprecher und Kreisvorsitzender des BUND Wetterau, betonte die zentrale Bedeutung der Bürgerbeteiligung: „Strom der hier produziert wird, soll auch mit den Menschen verbunden sein.“ Die Region, die Kommunen und die Bürger sollen sich finanziell beteiligen können. Dazu gäbe es viele Möglichkeiten, z.B. Zuwendungen an die Kommunen nach dem EEG, aber auch verbilligten Strom für die Anwohner. (Das Bündnis wird sich hierzu noch ausführlicher äußern.) Neumann verwies darauf, dass  nach der Europäischen Union „Erneuerbare Energiegemeinschaften“ möglich sein sollen, in denen gemeinsam Strom erzeugt, vertrieben und verbraucht wird. Er ist überzeugt, dass die Beteiligung der Bürger*innen Voraussetzung und Erfolgsrezept für die Umsetzung der Energiewende ist.

Da bei diesem Treffen auch wieder die Frage nach der Anzahl möglicher Windräder auf dem Winterstein gestellt wurde, veröffentlichen wir hier mit Vorbehalt ein vom Bündnis entworfenes, fiktives Windpark-Layout. Selbstverständlich ist ein solcher Windpark von erfahrenen Projektierern nach umfangreichen Untersuchungen zu entwickeln und wird am Ende des Prozesses sicher anders aussehen. Wir veröffentlichen unseren internen Entwurf dennoch, weil in der Öffentlichkeit ein großes Bedürfnis nach Informationen besteht und selbst in der Presse oft noch ältere, lange überholte Überlegungen verbreitet werden. Der Entwurf soll eine grobe Orientierung über das Windvorranggebiet Winterstein bieten und zur Diskussion in diesem offenen Prozess beitragen.

Dieses fiktive Parklayout des Bündnisses Windpark Winterstein steht als Download zur Verfügung.
Fiktives Parklayout des Bündnisses Windpark Winterstein, März 2022. Alle Angaben ohne Gewähr!

Einige zentrale Forderungen des Bündnisses Windpark Winterstein wurden auch bei dieser Exkursion sichtbar: Wir erwarten einen maximal möglichen Beitrag zum Klimaschutz durch einen energetisch optimierten Windpark. Dieser Windpark soll mit Windrädern neuester Bauart einen größtmöglichen Ertrag erzielen und gemeinsam projektiert und betrieben werden. Der Windpark soll auch der regionalen Wertschöpfung dienen, denn nach unserer Überzeugung sollen diejenigen, die im Umkreis um einen Windpark leben, auch einen unmittelbaren Nutzen von ihm haben. Wesentlich für Akzeptanz und Mitwirkung, das zeigte sich auch erneut bei dieser Veranstaltung,  ist die frühzeitige Einbindung und aktive Beteiligung der Bevölkerung. Dann werden sich hoffentlich in einigen Jahren Bürgerwindräder mit den wohlklingenden Namen „Die flotte Frida“ oder „Der fixe Fritz“ auf dem Winterstein drehen und sauberen Strom für uns produzieren.

Atomkraft ist weder ein Ausweg aus der Klimakrise noch aus der aktuellen Energiekrise

Atomic-Perpetuum von Bill Gates und M.C. Escher

In der aktuellen Energiekrise, die durch den schrecklichen Krieg eines machtbesessenen Autokraten verschärft wird, sehen einige erneut einen Hebel, um die Atomkraft anzupreisen, die Laufzeiten der drei noch verbliebenen AKW zu verlängern und sogar abgeschaltete wieder in Betrieb zu nehmen. Gerade ein Krieg zwischen Atomkraftwerken sollte deutlich machen, dass Atomkraft der gefährlichste Weg ist, unsere Energiefragen zu lösen. Es ist müßig, ständig die Gründe zu wiederholen, warum Atomkraft kein Ausweg darstellt. Wer noch nach Erkenntnisgewinn sucht, sei auf entsprechende Artikel bei .ausgestrahlt verwiesen oder möge in unserem Beitrag vom 26. Februar 2020 nachlesen. Diejenigen, die nicht vom Irrweg Atomkraft ablassen wollen, verweisen immer wieder auf zukünftige – allerdings noch nicht existierende – Atomkraftwerke. Aus diesem Grund habe ich erneut meine Zeichnung eingestellt, die das Ergebnis dieser „Forschungsarbeiten“ zusammenfasst. Die A3-Zeichnung kann man hier als .jpg oder als .pdf leicht herunterladen, als Poster ausdrucken und an die Klotür hängen. Dort lässt sich dann trefflich über die Hinterlassenschaften der Menschen nachdenken.

Mahnwache Fukushima und Ukraine 2022

Die Fukushima-Mahnwache am 12. März in Friedberg wurde vom Krieg gegen die Ukraine übeschattet, der tausendfach Tod und Leid über die Menschen bringt und Millionen zur Flucht zwingt. Aus Solidarität mit der Ukraine eröffneten wir die Kundgebung mit John Lennons Song „Give Peace a Chance“.
Dieser Krieg birgt auch die große Gefahr, dass wichtige Maßnahmen, z.B. beim Klimaschutz, aufgeschoben und bereits Erreichtes der letzten Jahrzehnte wieder zurückgedreht werden.  Darum ging es sowohl in unserer Kundgebung als auch in vielen Gesprächen der ca. 50 Teilnehmenden.

Infotisch Mahnwache Fukushima und Ukraine, 2022-03-12
Der Infotisch mit vielen Informationen war immer gut besucht.

Sowohl die Atomkatastrophe in Fukushima, die vor elf Jahren begann, als auch der Krieg in der Ukraine  machen das Risiko der Atomkraft  deutlich:  In Fukushima mussten 200 000 Menschen ihre Häuser verlassen und noch auf lange Sicht müssen die geschmolzenen Reaktorkerne täglich mit rund 150 Tonnen Wasser gekühlt werden. Das kontaminierte Wasser wird in ca. 1000 Tanks gesammelt, teilgereinigt und soll, weil die Tanks voll sind, ab kommendem Jahr im Meer verklappt werden.  Dies ist nur eines der vielen Probleme, das zeigt, dass die Katastrophe in Fukushima andauert, auch wenn nur noch selten darüber berichtet wird. Auch der Krieg in der Ukraine macht den Atomwahnsinn bewusst.  Neben dem havarierten Reaktor in Tschernobyl  gibt es in der Ukraine noch 15 weitere Atomkraftwerke, die über 50 % des ukrainischen Stroms erzeugen. Das größte Atomkraftwerk Europas steht mit sechs Blöcken in Saporischschja, in der Ost-Ukraine. Zum Zeitpunkt der Mahnwache waren Tschernobyl und Saporischschja bereits von Russland besetzt. Atomkraftwerke sind nicht für den Krieg konzipiert. Selbst wenn sie nicht direkt angegriffen werden, kann es schon unabsichtlich leicht zur Beschädigung der sensiblen Sicherheitsinfrastruktur kommen. Eine Unterbrechung der Stromversorgung bei Ausfall der Notkühlung kann z.B. schnell zur Kernschmelze führen. Krieg zwischen den ukrainischen Kernkraftwerken ist im doppelten Sinne „Russisches Roulette“.

Wurfbude Mahnwache Fukushima und Ukraine, 2022-03-12
Mit gezielten Würfen ließ sich das Abschalten der noch verbliebenen Atomkraftwerke leicht vorziehen.

Der zögerliche Ausbau der erneuerbaren Energien in den letzten Jahren hat Deutschland in die Abhängigkeit eines größenwahnsinnigen Despoten geführt. Die drohende Versorgungskrise verhindert nicht nur ein konsequentes Handeln gegenüber Putin, sondern gibt absurderweise sogar noch denen Auftrieb, die schon lange eine Renaissance von Atom, Kohle und Gas anstreben. Auf der Mahnwache wurde deshalb deutlich gemacht, dass Atomkraft keinen Ausweg aus der Klimakatastrophe bietet, weil viel zu viele Kraftwerke gebraucht würden, es viel zu lange dauern würde, viel zu teuer und zu gefährlich wäre. Auch die angeblich so tollen, smarten Atom-Reaktoren der 4. Generation helfen nicht weiter, denn sie existieren meist nur auf dem Papier oder in Laborversuchen.
Klimakatastrophe und ein höheres Maß an Unabhängigkeit von fossilen Energieimporten erfordern zwingend den rascheren Ausbau der erneuerbaren Energien. Die Technik ist vorhanden, das ist effektiv und kann schnell gehen. Daran muss mit Nachdruck gearbeitet werden.  Statt 100 Milliarden in die Aufrüstung zu stecken, müssen 100 Milliarden in die Erneuerbaren investiert werden. Das ist gut fürs Klima und die Energiesicherheit!
Als Gastredner erläuterte Markus Fenske, Fraktionsvorsitzender der Grünen in Friedberg, den Stand der Entwicklung beim Windpark Winterstein. Er stellte die Notwendigkeit des Windparks als Teil der Energiewende heraus, machte aber auch deutlich, dass der Windpark kein Selbstläufer wird, sondern noch viel Engagement erfordert, auch wenn jetzt ein Grundsatzbeschluss gefasst wurde. Er forderte daher die Bürgermeister und Bürger*innen rund um den Winterstein auf, für den Windpark zu kämpfen.

Mahnwache Fukushima und Ukraine, 2022-03-12
Markus Fenske bei seinem Plädoyer für den Windpark Winterstein.

Jochen Stay, dem Gründer von .ausgestrahlt, der im Januar allzu früh verstarb, wurde mit einem Lied gedacht, das der Liedermacher Gerd Schinkel  für ihn geschrieben hat. Jochen wird allen in Erinnerung bleiben und dazu anspornen, in seinem Sinne aktiv zu bleiben.

Gerd Schinkel, Epitaph für Jochen Stay: 

"Die Sonne hat noch nicht ausgestrahlt,
der Wind sich längst nicht gedreht.
Der Kampf gegen Atomwahnsinn
in deinem Sinn weitergeht."

… da waren es nur noch drei!

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Atomausstieg ist vollzogen. Planmäßig gingen am 31. Dezember 2021 die Atomreaktoren in Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen vom Netz. Nur wenige Menschen beachteten in der Silvesternacht diesen Vorgang, denn die Lichter gingen keineswegs aus.

Quelle: Strommarktdaten der Bundesnetzagentur vom 31.12.2021 auf 01.01.2022
Quelle: Strommarktdaten der Bundesnetzagentur vom 31.12.2021 auf 01.01.2022

Auch wenn in einem Jahr in Deutschland die letzten drei Atomkraftwerke abgeschaltet werden, sind Stromversorgung und Netzstabilität weiterhin gewährleistet. Dann reiht sich Deutschland wieder in den großen Kreis der Länder ein, die diese Risikotechnologie schon immer ablehnten oder bereits vor uns ausgestiegen sind. Dies ist nicht zuletzt der Erfolg einer starken Anti-Atom-Bewegung in Deutschland. Besonderer Dank gebührt daher all denen, die von Beginn an aktiv waren und z.B. schon vor 40 Jahren mit hohem persönlichem Risiko gegen den Bau des jetzt abgeschalteten AKW in Brokdorf kämpften.

Eine Rückkehr zur Atomkraft darf und wird es aller Voraussicht nach in Deutschland nicht mehr geben, auch wenn derzeit erneut einige am Ausstiegsbeschluss zu rütteln versuchen. Atomkraft bleibt eine gefährliche Risikotechnologie, es gibt keine Lösung für den Atommüll und die Urangewinnung ist extrem umweltschädlich. Atomkraft kann auch keinen Beitrag zur Bewältigung der Klimakrise leisten, denn sie ist gegenüber erneuerbaren Energien viel zu teuer und käme aufgrund der langen Planungszeiten und der großen Zahl an benötigten Reaktoren viel zu spät, um die Klimakatastrophe noch zu verhindern. Auch sollte nicht vergessen werden, dass die zivile Nutzung der Atomkraft im Rahmen der atomaren Produktionskette eine wichtige Funktion für die militärische Nutzung hat. Es ist kein Zufall, dass die Atommächte auch in hohem Maße auf die zivile Nutzung der Atomkraft setzen.

In diesem Zusammenhang muss auch auf die Bedeutung der EU-Taxonomie aufmerksam gemacht werden. Der aktuelle Entwurf der EU-Kommission sieht vor, Investitionen in Atomkraft und auch Gaskraftwerke als nachhaltig einzustufen. Dies ist ein Atom-Bumerang! Absolut nichts an der Atomkraft ist nachhaltig, außer dem Atommüll, der am Ende für Hunderttausende Jahre bleibt! Frankreich benötigt massive private Finanzspritzen, um seine teure Atomwirtschaft am Laufen zu halten. Deshalb sollen umweltschädliche Investitionen mit einem grünen Label attraktiv gemacht werden. Da Deutschland sich auf Nord Stream 2 eingelassen hat und Gas benötigt, wird ein „fauler“ Kompromiss ausgehandelt, um den unterschiedlichen Interessen gerecht zu werden und den Zusammenhalt Europas nicht weiter zu schwächen. Das geht leider auf Kosten der Umwelt, denn Geld, das dringend für die Erneuerbaren benötigt wird, fließt in umweltschädigende Technologien und verzögert die Energiewende.

Die Entfesselung der Atomkraft kann getrost als Ausdruck der menschlichen Hybris und als ein großer Irrweg in der Menschheitsgeschichte angesehen werden. Dieses Kapitel sollte weltweit so schnell wie möglich geschlossen werden.   

Der IPPNW und andere Organisationen machen aktuell darauf aufmerksam, dass die Urananreicherungsfirma URENCO in Gronau an sog. Mini-Atomreaktoren forsche und damit den deutschen Atomausstieg untergrabe. Auch arbeite diese Firma mit an Uran-Zentrifugen, die für die Anreicherung von waffenfähigem Uran benötigt werden. Von einem vollständigen Atomausstieg sind wir also noch ein großes Stück entfernt.

Auch die Ausplünderung der Erde und die Zerstörung ihrer Atmosphäre ist Ergebnis der gleichen Maßlosigkeit des Menschen, der glaubt, er könne sich über die Natur erheben, mit der er untrennbar verbunden ist. Auch hier müssen wir schnell begreifen, dass wir mit den Ressourcen der Erde, mit dem was sie uns großzügig bietet, auskommen müssen. Wir bleiben zuversichtlich und arbeiten weiter an einer solidarischen Gesellschaft, die schonend mit unserem Planeten umgeht. In diesem Sinne auf ein gutes und aktives neues Jahr!

Eine Übersicht über die noch in Betrieb befindlichen und bereits abgeschalteten Atomkraftwerke in Deutschland finden Sie in unserem Menü Material.

Windparkbegehung in Grävenwiesbach

Am Sonntag, dem 7. November 2021 führte das Bündnis Windpark Winterstein eine zweite Windpark-Exkursion, diesmal zum Windpark Siegfriedeiche in Grävenwiesbach durch. Der Spaziergang bot den 85 Teilnehmenden die Möglichkeit, einen Windpark im Wald  möglichst hautnah zu erleben und fachkundige Informationen zu erhalten. „Damit wollen wir zu einer Versachlichung der Diskussion um die Windkraft beitragen“, sagte Hans-Dieter Wagner bei der Begrüßung im Name der 29 Partnerorganisationen. Am Fuß der Windräder gab es entsprechend reichliche Informationen zu Technik, Flächenbedarf, Vogelschutz etc. Auch Fragen der 85 Teilnehmenden wurden beantwortet.

Diethardt Stamm vom Energiebildungsverein stellte einige der nächsten Schritte des Bündnisses Windkraft Winterstein vor, mit denen man einer Bebauungsplanung näher kommen möchte. So sollen die bisher intern ermittelten 22 Windkraftanlagenstandorte noch in diesem Jahr mit Experten des potenziellen Investors ABO Wind besprochen werden. Ähnliches wird dann im Januar für eine weitere Meinungsbildung mit den Fachleuten von EnBW als weiterem möglichem Investor abgeklärt. Stamm verwies auch auf eine neue Umfragestudie zur Akzeptanz der Windenergie an Land. Nach dieser erklären 80 % der Bevölkerung Windkraft als wichtig und 91 % möchten „frühzeitig und angemessen“ über die Planungen informiert werden. 79 % wollen eine Beteiligung der Kommunen und mindestens teilweise eine Umsetzung als Bürgerenergieprojekt. „Wir betrachten diese Studie für unser Bündnis genauso wie für die beteiligten Kommunen als Aufgabe für die nächsten Realisierungsphasen auf dem Winterstein“ sagte Stamm.

Hans-Dieter Wagner von Querstellen-Friedberg erläuterte den Flächenbedarf von Windrädern im Wald. Er beträgt dauerhaft etwa 0,5 ha (5000 m²), der Betonsockel umfasst ca. 300 m², Kranstellfläche und Wege werden lediglich geschottert und nicht versiegelt. Veränderungen des Wasserhaushaltes im Wald treten hierdurch nicht ein. Windkraft beansprucht im Verhältnis zu anderen Formen der Energiegewinnung, z.B. im Vergleich zur Braunkohle, sehr viel weniger Fläche. Für die genutzten Waldflächen, auch wenn es Windwurfflächen sind, werden Aufforstungen oder andere Ausgleichsmaßnahmen durchgeführt.

Dr. Werner Neumann vom BUND betonte, dass für den Ausbau der Windenergie im Wald in Hessen maximal 0,1 % der Waldfläche benötigt würde. Alle vorhandenen Waldwege würden hingegen 5-10 % des Waldes einnehmen. Zum Schutz von Vögeln und Fledermäusen sei ein mehrstufiges Verfahren erfolgt. Zunächst werden Vorranggebiete von 2 % der Landesfläche, wie am Winterstein, festgelegt, wo viel Wind weht und Schwerpunkträume geschützter Arten ausgenommen worden seien. Dann erfolgt die Genehmigungsplanung, bei der im Gebiet alle relevanten Arten genau untersucht werden. Falls erhebliche Beeinträchtigungen zu erwarten seien, würden – wie in Grävenwiesbach – zeitlich begrenzte Abschaltungen erfolgen. Da dies meist im Sommer erfolge, wäre der Verlust von Energie gering. Schließlich würden die Betreiber Maßnahmen zur Förderung gefährdeter Arten durchführen, die auch unter vielen anderen Einwirkungen leiden würden. So profitiere auch der Naturschutz in der Region von der Windenergie. Durch den Ersatz von Kohlestrom würde ein zentraler Beitrag zum Klimaschutz geleistet. Dies diene auch dem globalen Naturschutz, da sich Pflanzen und Tiere nicht an den rasanten Klimawandel anpassen könnten.

Bürgermeister Roland Seel (CDU) von Grävenwiesbach
Bürgermeister Roland Seel

Besonders begrüßt wurde Bürgermeister Roland Seel (CDU) aus Grävenwiesbach, der erläuterte, wie die Entscheidungen zugunsten des im Mai 2020 eingeweihten Windparks gefallen sind. Der finanzielle Nutzen für die Gemeinde sei entscheidend gewesen. Die Gemeinde profitiere durch Pachteinnahmen und Gewerbesteuer. Die Bevölkerung war von Beginn an eingebunden und konnte sich über einen „Windsparbrief“ finanziell beteiligen. Die Sparbriefe in Höhe von insgesamt 500.000 € waren innerhalb eines Tages vergriffen. Künftig sei denkbar, dass die Bürger:innen auch Strom von den Anlagen günstiger beziehen könnten. Man werde die Welt zwar allein durch diesen Windpark nicht retten, leiste aber verantwortungsvoll einen eigenen Beitrag zur Bekämpfung der Klimaerhitzung. Alle 6 Windräder stehen auf dem Gebiet der Gemeinde Grävenwiesbach, drei auf Gemeindegebiet, drei auf Gebiet von HessenForst. Aktuell wird der Bau von zwei weiteren höhere und damit leistungsstärkeren Windenergieanlagen überlegt, die neben der CO2-Einsparung auch deutlich höhere Einnahmen erbringen würden. Herr Seel ist recht zuversichtlich, dass es zu einer Realisierung kommen wird. Bei seinem Vortrag betonte er mehrfach, dass er selbst sich bei der Entstehung des Windparks stets als Moderator sah, der lediglich begründete Vorschläge unterbreitete, über die aber das Gemeindeparlament entscheiden musste. Dank seines Engagements und der offenbar gelungenen Kommunikation mit Befürwortern und auch Gegnern der Windkraft hat Grävenwiesbach heute einen deutlichen Vorsprung gegenüber anderen Kommunen.

Teilnehmende bei der Begehung des Windparks in Grävenwiesbach. Fotos: Tim Wagner

Eine so pragmatische und zupackende Haltung wünschten sich viele der Teilnehmenden auch von der Politik in den Anrainerkommunen um den Winterstein. Durch die bisherige Windenergie-Verhinderungspolitik wurde in den letzten 10 Jahren nicht nur die Klimaerhitzung weiter vorangetrieben, sondern den Bürger:innen wurden auch Einnahmen vorenthalten, mit denen die Kommunen ihre Finanzsituation hätten verbessern können. Da auch Politiker verschiedener Parteien anwesend waren, hofft das Windpark-Bündnis, dass das Umdenken für die Windenergie am Winterstein durch die positiven Erfahrungen, wie sie z.B. in der Gemeinde Grävenwiesbach gemacht wurden, beschleunigt wird.

STOP THE BEAST – MALEREI GEGEN DIE GROSSE ZERSTÖRUNG

Dieses komplexe, 250 x 600 cm große Gemälde setzt sich facettenreich mit der Zerstörung durch den Braunkohletagebau im Rheinland auseinander. Das Leipziger Künstlerduo Helge & Saxana malten das Bild im Juli/August 2021 in einer Scheune von Eckardt Heukamp, dem letzten Bewohner von Lützerath, der sich noch der Zwangsenteignung durch RWE und dem Abriss des Dorfes entgegenstemmt. Die sechs Dörfer Lützerath, Keyenberg, Kuckum, Unter-Westrich, Ober-Westrich und Berverath sollen für die Ausweitung von Garzweiler II demnächst dem „Beast“ (Braunkohlebagger) zum Opfer fallen. Geht es nach dem Willen von RWE, wird dadurch die Liste der 300 Dörfer, die in den letzten 30 Jahren für Kohle zerstört wurden, noch verlängert und den 44000 Enteignungen werden weitere hinzugefügt.

Immerath nach seiner Zerstörung, Google Earth 2021-08-20

Nachdem Immerath mit dem weithin bekannten „Dom von Immerath“ dem Erdboden gleich gemacht wurde, stehen die Bagger jetzt unmittelbar vor Lützerath und Keyenberg, die vermutlich mit Beginn der Rodungssaison in diesem Jahr fallen sollen. Viele Organisationen widersetzen sich dieser anachronistischen Zerstörung, die angesichts der Klimakatastrophe und des dringend erforderlichen Kohleausstiegs nicht mehr zu rechtfertigen ist.

Das Ölgemälde von Helge & Saxana, das den Titel „Das gro?e Gelingen“ trägt, wurde im Rahmen der Aktions- und Veranstaltungswochen „Kultur ohne Kohle“ am 14. August 2021 der Öffentlichkeit vorgestellt. Vom „Scheunen-Atelier“ trugen Freund*innen und Besucher*innen das Bild am Grubenrand entlang und stellten es am Ende einer bereits weitgehend abgerissenen Straße dem „Beast“ entgegen. Dies erinnerte an eine Aktion im September 2018, als über 100 Menschen wie Blattschneiderameisen Gemälde in den Hambi trugen, nachdem die Polizei Malmaterialien des Künstlerpaares konfisziert und damit ein „Malverbot“ im Wald verhängt hatte. Am Ausstellungsort des neuen Bildes hielt Bazon Brock eine wortgewaltige Rede über die Zerstörung der Natur durch den Menschen.

Die Vielschichtigkeit des Bildes kann hier nur ansatzweise erläutert werden. Es zeigt die beispiellose Zerstörung durch das „Beast“, das sich von rechts durch das Bild frisst und in einer großen Flut den „Dom von Immerath“,  Eckhardts Hof, Bäume und ein Kinderzimmer mit Wandzeichnungen aus dem Dschungelbuch in eine Canyon-Landschaft hinabreißt. Die Kühltürme der Kohlekraftwerke am oberen rechten Bildrand, die hinter den Baggern der Braunkohlegrube zu sehen sind, stehen vor einem bedrohlichen Himmel.  Aber auch der vielfältige Protest gegen das „Beast“ ist dargestellt. Links unten in der Ecke des Kinderzimmers ist das gelbe Kreuz gemalt, das auf einem „Kreuzweg für die Schöpfung“ in 26 Etappen vom Wendland ins Rheinland getragen wurde. Der dschungelartige Hambi am rechten unteren Bildrand ist bevölkert mit vielen Tieren, die auch im gesamten Bild auftauchen und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nähren. Fantasievolle Baumhäuser sind gleich an mehreren Stellen im Bild dargestellt. Auch die Gedenkstätte an den im Hambi verstorbenen Journalisten Steffen Meyn ist im Gemälde zu finden. Den Hambi überragt ein hoher, im Herbst 2018 errichteter Baumstamm mit einem Waldbeschützer im Ausguck. In der Mitte des Bildes sitzt ein libellenartiger Fantasievogel über einem grünen Nest, in dem die Erdkugel ruht. Mit einer kleinen Bildergeschichte „Stop the Beast“ in unserer Kategorie Fotos wollen wir diesen künstlerischen Beitrag zu den Protesten würdigen. Weitere Informationen zum Bild unter https://www.helge-saxana.com.

Ein deutliches Zeichen für die Windenergie auf dem Winterstein

Mit einer großen Sternwanderung unterstrich das Bündnis Windpark Winterstein am 13. Juni 2021, dass viele Bürger*innen und Organisationen der Region das Hinauszögern eines Windparks im Vorranggebiet Winterstein nicht mehr länger akzeptieren. Fast 150 Menschen waren in drei Wandergruppen von Friedberg, Rosbach und Wehrheim aufgebrochen, um sich an der Dörrhütte zu einem Demonstrationszug zu vereinigen und gemeinsam auf dem „Mainzer Kopf“ symbolisch ein erstes Windrad zu errichten. Die inzwischen baumlose, 420 m hohe Anhöhe könnte zukünftig einer der möglichen Standorte für Windenergieanlagen werden. Ein breites Bündnis aus 28 Organisationen, von Jung bis Alt, von Fridays for Future bis zur „Oldie-Gruppe“ Grünspan, über die großen Naturschutzverbände BUND und Nabu, viele Energievereine und -genossenschaften, die verschiedensten Bürger*innen-Gruppen, bis zu den Parteien DIE GRÜNEN und DIE LINKE, betonte die Notwendigkeit der Windenergiegewinnung auf dem Winterstein. Alle Redner*innen auf der Kundgebung forderten einen raschen Ausbau eines großen und effizienten Windparks, kritisierten die Verhinderungspolitik der in den vier Anrainerkommunen regierenden Parteien und machten deutlich, dass zum Schutz des Klimas und zur Umsetzung der Energiewende ein Windpark Winterstein unverzichtbar ist.

Eine kurze Bildergeschichte in unserer Kategorie FOTOS vermittelt einen kleinen Eindruck von dieser Sternwanderung. Auch wenn die Veranstaltung ein erfreuliches Echo in den Medien fand, blieben naturgemäß viele Argumente ungenannt, weshalb hier kurze Auszüge aus den Redebeiträgen in einer PDF-Datei wiedergegeben werden. Das Bündnis Windpark Winterstein wird nicht locker lassen, bevor sich tatsächlich Windräder auf dem Winterstein drehen und sauberen Strom produzieren.